Hungersnot in der Schweiz nach Vulkanausbruch 1815 - sind wir heute für eine solche Katastrophe gerüstet?

Wahrscheinlich wäre bei einem erneuten grossen Vulkanausbruch ein Einfluss auf das Klima zu erwarten. Es müsste aber nicht unbedingt zu einem folgenden „Jahr ohne Sommer“ kommen. Es könnte auch zu einem schlimmeren Hitzesommer als 2003 kommen. Denn eine Wetterrekonstruktion für 1815-1817 zeigte, dass gewisse Regionen wesentlich kälter wurden (Europa oder Nordostamerika), andere aber wesentlich wärmer (z.B. östlich Europas).

Krater des Tamboras: Die obersten 1500 Meter des Berggipfels wurden schlicht weggesprengt (NASA).
Image: NASA Earth Observatory

Im April 2015 hat in Bern eine wissenschaftliche Konferenz zum Thema stattgefunden, dazu wurde eine öffentliche Veranstaltung organisiert (siehe Links). Im Einleitungsvortrag von Prof. Chr. Pfister erfuhren wir, dass die Kraft der Explosion 170'000 Hiroshima-Bomben entsprach. Die Asche wurde rund 30 km in die Atmosphäre geschleudert. Mehr als 90'000 Menschen kamen in der Nähe des Vulkans sofort ums Leben. Und weitere wurden Opfer der weltweiten Folgen. Denn die Asche störte das Klima sehr stark. Ohne schnelle Kommunikationsmittel erfuhr man in Europa erst Wochen später vom Ausbruch. Die Sonnenuntergänge waren farbiger als sonst, doch niemand ahnte dass dies Vorboten eines Jahres „ohne Sommer“ sein könnte. Der Sommer 1816 wurde in der Schweiz rund 2.5°C kälter als sonst – nur in Frankreich war es noch kälter. Und auch Regen gab es viel mehr als in einem gewöhnlichen Sommer. Zwischen Mai und Juli (rund 90 Tage) wurde an 50 Tagen Regen registriert. Die Trauben wurden Anfang November unreif (!) geerntet. Durch die grosse Not in der Nordostschweiz wurde sogar Gras gegessen. In den Wintern 1815-1816 und 1816-1817 akkumulierte sich Schnee im Alpenraum, im Sommer 1816 war die Schneefallgrenze nur selten oberhalb 2000 m. Als die Schneemassen im Frühling 1817 schmolzen, kam es zu einem grossen Hochwasser.

In Teilen der Schweiz kam es so zur letzten grossen Hungerkrise. Besonders betroffen war die stark bevölkerte Nordostschweiz. Sie war von der Textilindustrie abhängig. Da die Nahrungsmittelknappheit auch unseren deutschen Nachbar betraf, nahm die Nachfrage nach solchen Produkten ab. Trotz dem Vertrag von 1815 war der Austausch von Lebensmitteln zwischen den Kantonen stark eingeschränkt. Genf hatte frühzeitig Reserven eingelegt, sodass die Verknappung weniger zu spüren war. Das Wallis wurde grösstenteils verschont. Die Regenmengen sind durch seine Lage innerhalb des Alpenbogens geringer ausgefallen. Zudem hatte es durch seine Organisationsform der Landwirtschaft einen hohen Grad an Selbstversorgung. Dies zeigt wie wichtig sozio-ökonomische und organisatorische Eigenschaften einer Gesellschaft als Voraussetzungen für die Bewältigung von Krisensituationen sind (Gesundheit, Vorbereitung, usw. beeinflussen deren Verletzlichkeit).

An der Tambora-Konferenz in Bern wurden verschiedene neuen Erkenntnisse präsentiert, so zeigen neu datierte Eisbohrkerne ein genaueres Bild früherer Eruptionen und es wurde eine dynamische Wetterrekonstruktion für 1815-1817 vorgestellt. Daniel Krämer und Gillen D'Arcy Wood präsentierten ihre neuen Bücher zu den globalen Folgen des Tambora-Ausbruchs respektive zur Hungerkrise in der Schweiz. Gleichzeitig zeigte sich an der Konferenz auch, dass unser Bild von den Klimafolgen von Vulkanausbrüchen noch lückenhaft ist. So fehlen beispielsweise Hinweise auf starke Auswirkungen in der Südhemisphäre, und die Rolle von gehäuften kleineren Ausbrüchen ist unklar.

Unklar ist auch, was ein solcher Ausbruch heute für Europa bzw. die Schweiz bedeuten würde. In der Schlussdiskussion der öffentlichen Veranstaltung nahmen Prof. em. Christian Pfister (Klima- und Umweltgeschichte, Universität Bern), Prof. Jürg Fuhrer (Agrarökologie, Agroscope), Martha Bächler (Wirtschaftsförderung Obwalden, Katastrophenbewältigung Engelberg Hochwasser 2005) und Dr. Stefan Brem (Chef Risikogrundlagen und Forschungskoordination, Bundesamt für Bevölkerungsschutz) Teil. Was sicher ist, Vulkanausbrüche sind nicht Teil der Notfallszenarien des Bundes. Denn die Auswirkungen eines solchen Ereignisses wären erstmal vor Ort spürbar. Grosse Gebiete müssten evakuiert werden. Kleinere Erdbeben können zwar Vorbote eines Vulkanausbruchs sein, doch solche Ereignisse können weiterhin nicht präzise vorausgesagt werden. Das heisst sie können überraschend auftreten, was zu einer chaotischen Evakuation führt. In einer Grossstadt wie Neapel, am Fuss des Vesuvs, wären die Folgen einer solchen Eruption verheerend. Dies erlebte Pompei, als sie am 24. August 79 verschüttet wurde.

Die Asche in der Luft würde bei einem grösseren Ausbruch in grossen Gebieten zu einer Lahmlegung des Flugbetriebs führen. Der Tourismus würde wesentlich darunter leiden. Schon der bescheidene Ausbruch des Eyjafjallajökull 2010 (Island) führte zu grossen Störungen des Flugverkehrs in Europa und Ablagerungen von Asche bis in die Schweiz (z.B. auf dem Aletschgletscher).

Wahrscheinlich wäre bei einem erneuten grossen Vulkanausbruch einen Einfluss auf das Klima zu erwarten. Es müsste aber nicht unbedingt zu einem folgenden „Jahr ohne Sommer“ kommen. Es könnte auch zu einem schlimmeren Hitzesommer als 2003 oder auch zu einem normalen Sommer kommen. Denn eine Wetterrekonstruktion für 1815-1817 zeigte, dass gewisse Regionen wesentlich kälter wurden (Europa oder Nordostamerika), andere aber wesentlich wärmer (z.B. östlich Europas). Eventuell könnten längerfristige Witterungsprognosen (Monate, Jahreszeit) Hinweise liefern, was wahrscheinlicher wird, um sich vorbereiten zu können. Die Regionen, die am stärksten von den Störungen (extrem kälter/wärmer bzw. feuchter/trockener) betroffen wären, würden bedeutende Ernteausfälle erleben. Da die klimatischen Folgen eines Vulkanausbruchs nicht weltweit bzw. maximal für einige Jahre zu spüren wären, sollten die regionalen Engpässe durch Pflichtlager (Schweiz: einige Monate Treibstoff, Zucker, Mais, Getreide, Kaffee, Öl, usw.) und Austausch von Waren aber gut zu überbrücken sein.

  • Krater des Tamboras: Die obersten 1500 Meter des Berggipfels wurden schlicht weggesprengt (NASA).
  • Der Hunger war so gross, dass die Menschen mit ihrem Vieh Gras frassen (Toggenburger Museum)
  • Temperaturanomalie über Europa im Sommer 1816: Während es im Winter 1815/16 im Mittelmeerraum nicht kühler war als in der Referenzperiode 1901–1960, war es in Zentral- und besonders in Nordeuropa deutlich kälter. Im Frühling 1816 hatte sich die Situation nur unwesentlich verändert, die iberische Halbinsel war nun allerdings ebenfalls von der Anomalie betroffen. Ihr Schwerpunkt verlagerte sich im Sommer 1816 nach Mittel- und Westeuropa. Einzig Osteuropa war im Jahr ohne Sommer durch eine nach Osten verschobene Warmluftzunge nicht von der Abkühlung betroffen. Im Herbst 1816 war es vor allem in Nordeuropa deutlich kälter als in der Referenzperiode. Im südlichen Mittelmeerraum war von der Temperaturanomalie hingegen nicht viel zu spüren.
  • Die wöchentlichen Getreidepreise auf den Märkten in Genf und Rorschach 1815–1818: Die erste Preisnotierung des Jahres 1816 bildet den Indexwert 100. Das enorme Preisgefälle zwischen den Märkten in Genf und Rorschach entstand durch die Markteingriffe der Genfer Regierung, den Zusammenbruch des integrierten Getreidemarktes um den Bodensee und die unterschiedlichen Verwaltungstraditionen. Die Schere begann sich im Dezember 1816 zu öffnen und schloss sich erst im Januar 1818 wieder.
  • Karte der Mangelernährung 1817. Die weissen Bezirke wiesen eine hohe, die hellgrauen eine mittlere und die dunkelgrauen eine tiefe Verletzlichkeit auf. Die Karte widerspiegelt die demographischen Auswirkungen der Hungerkrise im Jahr 1816, die sich bei Geburten mit einer Verzögerung von neun Monaten zeigen.
  • Karte der Mangelernährung 1818. Die weissen Bezirke wiesen eine hohe, die hellgrauen eine mittlere und die dunkelgrauen eine tiefe Verletzlichkeit auf. Die Karte widerspiegelt die demographischen Auswirkungen der Hungerkrise im Jahr 1817, die sich bei Geburten mit einer Verzögerung von neun Monaten zeigen.
  • Krater des Tamboras: Die obersten 1500 Meter des Berggipfels wurden schlicht weggesprengt (NASA).Image: NASA Earth Observatory1/6
  • Der Hunger war so gross, dass die Menschen mit ihrem Vieh Gras frassen (Toggenburger Museum)2/6
  • Temperaturanomalie über Europa im Sommer 1816: Während es im Winter 1815/16 im Mittelmeerraum nicht kühler war als in der Referenzperiode 1901–1960, war es in Zentral- und besonders in Nordeuropa deutlich kälter. Im Frühling 1816 hatte sich die Situation nur unwesentlich verändert, die iberische Halbinsel war nun allerdings ebenfalls von der Anomalie betroffen. Ihr Schwerpunkt verlagerte sich im Sommer 1816 nach Mittel- und Westeuropa. Einzig Osteuropa war im Jahr ohne Sommer durch eine nach Osten verschobene Warmluftzunge nicht von der Abkühlung betroffen. Im Herbst 1816 war es vor allem in Nordeuropa deutlich kälter als in der Referenzperiode. Im südlichen Mittelmeerraum war von der Temperaturanomalie hingegen nicht viel zu spüren.Image: Luterbacher, J./ Dietrich, D. / Xoplaki, E./ Grosjean, M./ Wanner, H.3/6
  • Die wöchentlichen Getreidepreise auf den Märkten in Genf und Rorschach 1815–1818: Die erste Preisnotierung des Jahres 1816 bildet den Indexwert 100. Das enorme Preisgefälle zwischen den Märkten in Genf und Rorschach entstand durch die Markteingriffe der Genfer Regierung, den Zusammenbruch des integrierten Getreidemarktes um den Bodensee und die unterschiedlichen Verwaltungstraditionen. Die Schere begann sich im Dezember 1816 zu öffnen und schloss sich erst im Januar 1818 wieder.Image: Krämer, Daniel: «Menschen grasten nun mit Vieh» Basel. 2015. S. 3034/6
  • Karte der Mangelernährung 1817. Die weissen Bezirke wiesen eine hohe, die hellgrauen eine mittlere und die dunkelgrauen eine tiefe Verletzlichkeit auf. Die Karte widerspiegelt die demographischen Auswirkungen der Hungerkrise im Jahr 1816, die sich bei Geburten mit einer Verzögerung von neun Monaten zeigen.Image: Krämer, Daniel: Chronos, Zürich 2012. S. 113–131, hier S. 126.5/6
  • Karte der Mangelernährung 1818. Die weissen Bezirke wiesen eine hohe, die hellgrauen eine mittlere und die dunkelgrauen eine tiefe Verletzlichkeit auf. Die Karte widerspiegelt die demographischen Auswirkungen der Hungerkrise im Jahr 1817, die sich bei Geburten mit einer Verzögerung von neun Monaten zeigen.Image: Krämer, Daniel: Chronos, Zürich 2012. S. 113–131, hier S. 127.6/6

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